19. Dezember

Gibt es den Weihnachtsmann?

Diese Frage richtete die 8-jährige Virginia O'Hanlan 1897 in einem Leserbrief an die Redaktion der Tageszeitung New York Sun. Der Brief erschien mit der Antwort des Redakteurs Francis P. Church auf der Titelseite.

Mit Freude beantworten wir sofort und an dieser besonderen Stelle die folgende Mitteilung und verleihen gleichzeitig unserer Freude Ausdruck, dass ihre Autorin zu den Freunden der Sun zählt:

Lieber Redakteur,
ich bin acht Jahre alt. Einige meiner Freunde sagen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Papa sagt: Wenn du es in der Sun siehst, ist es wahr. Bitte sag mir die Wahrheit: Gibt es einen Weihnachtsmann?

Virginia O'Hanlan
115 West Ninety-fifth Street

Liebe Virginia,
deine kleinen Freunde haben unrecht. Sie glauben nur, was sie sehen. Sie glauben, dass es nichts geben kann, was sie mit ihrem Verstand nicht erfassen können. Aller Verstand, Virginia, ist klein, ob nun von einem Erwachsenen oder einem Kind. lm Weltall verliert er sich wie ein winziges Insekt. Solcher Ameisenverstand reicht nicht aus, die ganze Wahrheit zu erfassen und zu begreifen. Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiss wie Liebe, Hilfsbereitschaft und Treue. Weil es all das gibt, kann unser Leben schön und heiter sein. Wie traurig wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe! Sie wäre so traurig, als wenn es keine Virginias gäbe. Keinen Glauben, keine Poesie, keine Romantik, gar nichts, was das Leben erst erträglich macht. Ein Flackerrest an sichtbarem Schönen bliebe übrig. Aber das Licht der Kindheit, das die Welt erleuchtet, würde verlöschen. Nicht an den Weihnachtsmann glauben? Da könnte man ebenso gut nicht an Elfen glauben! Gewiss, du könntest deinen Papa bitten, Leute auszuschicken, die am Weihnachtsabend alle Kamine beobachten, um den Weihnachtsmann zu fangen. Aber selbst, wenn sie den Weihnachtsmann nicht den Kamin herunter kommen sähen, was wurde das beweisen? Kein Mensch sieht ihn einfach so. Das beweist gar nichts. Die wichtigsten Dinge bleiben meistens unsichtbar. Die Elfen zum Beispiel, wenn sie auf Mondwiesen tanzen. Trotzdem gibt es sie. All die Wunder zu denken, geschweige denn sie alle zu sehen, das kann niemand. Was du auch siehst, du siehst nie alles. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach den schönen Farbfiguren suchen. Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter. Warum? Weil es einen Schleier gibt, den nicht einmal der stärkste Mann, ja nicht einmal alle starken Manner, die jemals gelebt haben, zusammen, zerreißen können. Nur Glaube, Fantasie, Poesie und Liebe können das. Dann kann man die Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal erkennen. ,,lst das denn auch wahr?“ kannst du fragen. Virginia, nichts auf der ganzen Welt ist wahrer und nichts beständiger. Der Weihnachtsmann lebt und er wird ewig leben. Noch in tausend Jahren, nein in zehnmal zehntausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.

Frohe Weihnachten, Virginia
Dein Francis P. Church

Der Briefwechsel zwischen Virginia O'Hanlan und Francis P. Church wurde bis zur Einstellung der Sun im Jahr 1949 jedes Jahr zu Weihnachten auf der Titelseite der Zeitung abgedruckt. Virginia O'Hanlan wurde Lehrerin, später Direktorin. Sie bekam bis zu ihrem Tod mit 81 Jahren einen Strom von Post zu ihrem Brief.

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